Produktrückrufe nach dem Nachweis von Cereulid in Säuglingsnahrung BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung gibt einen Überblick über das Geschehen und stellt grundlegende Informationen zusammen
Darum geht es:
Seit Anfang Dezember vergangenen Jahres haben mehrere Hersteller von Säuglingsnahrung bestimmte Chargen ihrer Produkte vorsorglich zurückgerufen, weil darin möglicherweise das bakterielle Gift Cereulid enthalten ist. Cereulid kann Übelkeit und Erbrechen hervorrufen, in seltenen Fällen auch schwere lebensbedrohliche Vergiftungen. Mit der vorliegenden Mitteilung gibt das BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung einen Überblick über das Kontaminationsgeschehen und stellt einige grundlegende Informationen zum Toxin Cereulid zusammen.
Seit Dezember 2025 haben weltweit verschiedene Hersteller bestimmte Produktchargen von Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung vorsorglich zurückgerufen, da in den Produkten eine Kontamination mit dem Toxin Cereulid vorliegen könnte (Externer Link:https://www.lebensmittelwarnung.de). Dieses Toxin kann von einigen Bacillus cereus-Stämmen gebildet werden und innerhalb von 0,5 bis 6 Stunden Übelkeit und Erbrechen auslösen. In der Regel klingen die Symptome innerhalb von 24 Stunden von alleine ab. Bei selten auftretenden schweren Vergiftungen durch hohe Cereulid-Konzentrationen kann es jedoch zu Organschäden kommen. Beim Erhitzen wird Cereulid nicht inaktiviert, sodass auch ein Abkochen von Lebensmitteln das Toxin nicht beseitigt.
Herkunft und Nachweis des Toxins
Im aktuellen Geschehen erfolgte der Eintrag des Toxins in die Säuglingsnahrungsprodukte über die Zutat Arachidonsäure-Öl (ARA-Öl). Arachidonsäure ist eine Omega-6-Fettsäure, die der Säuglingsnahrung aus ernährungsphysiologischen Gründen zugesetzt wird. Gemäß den Angaben auf Produktverpackungen wird das Öl aus dem Pilz Mortierella alpina gewonnen. Das kontaminierte ARA-Öl wurde in einer chinesischen Firma hergestellt. Als Reaktion hat die EU-Kommission ab dem 26.02.2026 verstärkte Importkontrollen für ARA-Öl aus China beschlossen (DG Health and Food Safety, 2026). Zudem haben die lokalen Behörden der Lebensmittelüberwachung in Deutschland verstärkt Proben von Säuglingsnahrung untersucht. In diesem Zusammenhang wurde in Untersuchungslaboren die Standardmethode für den Nachweis von Cereulid in Lebensmitteln für Säuglingsnahrung optimiert, um eine möglichst niedrige BestimmungsgrenzeLimit of quantificationZum Glossareintrag zu erzielen, also bereits sehr geringe Verunreinigungen nachweisen und bestimmen zu können.
Gesundheitliche Risikobewertung
Für die toxikologische Bewertung des gesundheitlichen Risikos von Substanzen, die ihre unerwünschte Wirkung bereits kurz nach Aufnahme zeigen (akute Wirkung), wird die sogenannte akute Referenzdosis (ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis)) herangezogen. Die ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) gibt die geschätzte maximale Menge eines Stoffes an, die im Verlauf eines Tages bei einer Mahlzeit oder bei mehreren Mahlzeiten ohne erkennbares Gesundheitsrisiko mit der Nahrung aufgenommen werden kann. Im Vergleich dazu wird bei der Bewertung der chronischen Toxizität die Menge eines Stoffes betrachtet, die täglich über die gesamte Lebenszeit ohne erkennbares Gesundheitsrisiko oral aufgenommen werden kann (z.B. acceptabe daily intake (ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge)ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) - Acceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge)Zum Glossareintrag) oder tolerable daily intake (TDIkurz fürTolerable Daily Intake (tolerierbare tägliche Aufnahmemenge))).
Zur Einschätzung des Risikos, das von den (meist geringen) Gehalten von Cereulid in betroffener Säuglingsnahrung ausgeht, hat die EFSAkurz fürEuropean Food Safety Authority (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) in einem Externer Link:Rapid Risk Assessment die ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) für Cereulid in Säuglingen berechnet. Dabei wurde das Leitsymptom Erbrechen als akute, unerwünschte Wirkung betrachtet. Auf Grundlage einer Tierstudie mit Spitzmäusen und unter Berücksichtigung eines allgemeinen Unsicherheitsfaktors von 100 und eines zusätzlichen Unsicherheitsfaktors von 3 für Säuglinge wurde dabei eine ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) für Cereulid von 0,014 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht (μg/kgKörpergewicht) für Säuglinge ermittelt. Anhand bestimmter Verzehrannahmen wurden außerdem Schwellenwerte berechnet, bei denen die ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) erreicht wäre. Diese Schwellenwerte liegen bei 0,054 μg/ Liter (L) und 0,1 μg/L für gelöste Anfangs- und Folgenahrung bzw. bei 0,43 µgkurz fürMikrogramm/kgkurz fürKilogramm und 0,8 μg/kgkurz fürKilogramm für pulverförmige Anfangs- und Folgenahrung (EFSAkurz fürEuropean Food Safety Authority (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit), 2026). Ob es über die akuten Effekte hinaus auch chronische Effekte durch eine langfristige Aufnahme von Cereulid-Gehalten unterhalb der ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) gibt, lässt sich anhand der derzeit verfügbaren wissenschaftlichen Daten nicht beurteilen. Bereits 2013 wurde in einer niederländischen Risikobewertung eine ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) für Cereulid berechnet (Wijnands et al.kurz füret alii (lat. "und andere"), 2013). Da diese Bewertung jedoch nicht die besonders sensible Gruppe der Säuglinge betrachtete, lag sowohl die ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) mit 0,03 μg/kgKörpergewicht als auch der daraus abgeleitete Schwellenwert für Lebensmittel mit 1,8 µgkurz fürMikrogramm/kgkurz fürKilogramm über den Werten die nun für Säuglingsnahrung gelten.
Zur Beurteilung der gesundheitlichen Auswirkungen haben EFSAkurz fürEuropean Food Safety Authority (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) und ECDCkurz fürEuropean Centre for Disease Prevention and Control (Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten) außerdem ein Externer Link:Rapid Outbreak Assessment vorgenommen. Darin wurden Erkrankungsfälle in verschiedenen europäischen Ländern zusammengetragen, die möglicherweise mit Cereulid in Säuglingsnahrung in Verbindung stehen. Aufgrund der unspezifischen Symptome, einer fehlenden Meldepflicht für einzelne Cereulid-Vergiftungen und einer fehlenden Routinediagnostik für Cereulid in klinischen Proben ist das Erkennen und Zuordnen von Erkrankungsfällen jedoch erschwert. Laut ECDCkurz fürEuropean Centre for Disease Prevention and Control (Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten) & EFSAkurz fürEuropean Food Safety Authority (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) (2026) ist aufgrund der umfangreichen Produktrückrufe das Expositionsrisiko gegenüber mit Cereulid kontaminierter Säuglingsanfangs- und Folgenahrung gering. Sollten sich noch zurückgerufene Produkte in Haushalten von Verbrauchenden befinden, sollten diese Produkte nicht mehr verwendet werden.
Das BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung verfolgt das Geschehen sehr aufmerksam und steht dabei in engem Kontakt mit anderen nationalen und internationalen Behörden sowie den deutschen Giftinformationszentren.
Weitere Hinweise zur Zubereitung von Säuglingsnahrung
Unabhängig von den aktuellen Rückrufen, sind dem BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung aus der bisherigen wissenschaftlichen Literatur keine Berichte zu Cereulid in Säuglingsmilchpulver bekannt. Jedoch wurden in der Vergangenheit bereits Bacillus cereus-Stämme mit der Fähigkeit zur Cereulid-Bildung in Säuglingsmilchpulver gefunden. Um die Kontaminationen mit Bacillus cereus möglichst gering zu halten, gibt es ein gesetzlich festgelegtes Prozesshygienekriterium (Europäische Kommission 2005 und 2007). In dem Pulver ist aufgrund des niedrigen Wassergehaltes keine Vermehrung des Erregers und damit keine Cereulid-Bildung möglich.
Wird dieses Pulver jedoch gelöst und für mehrere Stunden bei Raumtemperatur aufbewahrt, so ist eine Vermehrung der Bakterien und Cereulid-Bildung möglich. Daher ist es wichtig, dass pulverförmige Säuglingsnahrung stets unmittelbar vor dem Verzehr unter Beachtung der Grundregeln der Hygiene zubereitet und nicht verbrauchte Säuglingsnahrung entsorgt wird.
Literatur
EFSAkurz fürEuropean Food Safety Authority (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit), 2026. Rapid risk assessment on acute reference dose (ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis)) of cereulide in infants and information on acute consumption of infant formulae; Externer Link:https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.2026.9941
ECDCkurz fürEuropean Centre for Disease Prevention and Control (Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten) & EFSAkurz fürEuropean Food Safety Authority (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit), 2026. Multi-country foodborne event caused by cereulide in infant formula products; Externer Link:https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.2903/j.efsa.2026.9984
DG Health and Food Safety, 2026. Externer Link:https://ec.europa.eu/newsroom/sante/newsletter-archives/72428
Wijnands, L. M., Wolterink, G., & Bokkers, B. (2013). Risicobeoordeling inzake aanwezigheid van cereulide toxine (Bacillus cereus) in levensmiddelen. National Institute for Public Health and the Environment report commissioned by the Netherlands Food and Consumer Product Safety Authority. Externer Link:https://www.rivm.nl/sites/default/files/2026-01/FO-beoordeling-cereulide-toxine.pdf
Europäische Kommission (2005). VERORDNUNG (EG) Nr. 2073/2005 DER KOMMISSION vom 15. November 2005 über mikrobiologische Kriterien für Lebensmittel
Europäische Kommission (2007). VERORDNUNG (EG) Nr. 1441/2007 DER KOMMISSION vom 5. Dezember 2007 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 2073/2005 über mikrobiologische Kriterien für Lebensmittel
Weitere Informationen auf der BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung-Website zu Bacillus cereus und lebensmittelbedingten Erkrankungen
Themenseite Bacillus cereus
Externer Link:https://www.bfr.bund.de/lebensmittel-und-futtermittelsicherheit/bewertung-mikrobieller-risiken-von-lebensmitteln/gesundheitliche-bewertung-von-bakterien/bacillus-cereus/
Verbrauchertipps: Schutz vor lebensmittelbedingten Erkrankungen durch bakterielle Toxine
Externer Link:https://www.bfr.bund.de/publikationen/verbrauchertipps-schutz-vor-lebensmittelbedingten-erkrankungen-durch-bakterielle-toxine/
Presseinformation: Säuglingsnahrung in Babyflaschen möglichst frisch zubereiten
Externer Link:https://www.bfr.bund.de/presseinformation/saeuglingsnahrung-in-babyflaschen-moeglichst-frisch-zubereiten/
Über das BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung) ist eine wissenschaftlich unabhängige Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH). Es schützt die Gesundheit der Menschen präventiv in den Tätigkeitsbereichen des Public Health und des Veterinary Public Health. Das BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung berät die Bundesregierung und die Bundes-länder zu Fragen der Lebens- und Futtermittel-, Chemikalien- und Produkt-sicherheit. Das BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung betreibt eigene Forschung zu Themen, die in engem Zusammenhang mit seinen Bewertungsaufgaben stehen.