Das Hauptziel des EuroCigua-Projekts bestand darin, das Risiko einer Ciguatera-Vergiftung (CP) in Europa zu charakterisieren, einschließlich mehrerer spezifischer Ziele: Bestimmung der von Ciguatera in Europa und der epidemiologischen Merkmale der Fälle; das Vorhandensein von Ciguatoxin in Lebensmitteln und der Umwelt in Europa zu beurteilen und Methoden zum Nachweis, zur Quantifizierung und zur Bestätigung des Vorhandenseins von Ciguatoxin-kontaminierten Proben zu entwickeln und zu validieren.Um die Inzidenz abzuschätzen und die epidemiologischen Merkmale von Ciguatera in Europa zu beschreiben, wurde ein Protokoll für eine harmonisierte Ciguatera-Surveillance in der Europäischen Union (EU)/Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ausgearbeitet. Dieses Protokoll enthält eine Ciguatera-Falldefinition und zwei Fragebögen zum Sammeln von Informationen über Ciguatera-Fälle oder -Ausbrüche. Etwa die Hälfte der Länder ist dem Datenaufruf zur Meldung von Fällen gefolgt. Vier Länder meldeten von 2012 bis 2019 zusammen 34 Ausbrüche. Spanien und Portugal meldeten Ausbrüche aufgrund des Verzehrs von Fisch, der auf den Kanarischen Inseln und Madeira gefangen wurde (autochthone Ausbrüche), hauptsächlich aufgrund des Verzehrs von Seriola spp. und Epinephelus spp. Bei mehr als der Hälfte dieser Ausbrüche wurde der Fisch durch Sportfischerei gefangen. Deutschland und Frankreich meldeten Ausbrüche aufgrund des Verzehrs von Fisch, der von außerhalb der EU importiert wurde (importierte Ausbrüche); hauptsächlich Lutjanus spp. Spanien, Deutschland und Frankreich meldeten Ausbrüche bei Reisenden in tropische Endemiegebiete (reisebedingte Ausbrüche). Die Ciguatera-Fälle und -Ausbrüche zeigten neurologische Symptome, die meisten hatten auch gastrointestinale Symptome und wenige Ausbruchsfälle erwähnten kardiovaskuläre Symptome. Sechs Länder (Österreich, Frankreich, Deutschland, Portugal, Spanien und Schweiz) meldeten 34 Einzelfälle. Als Hauptergebnis war die in der EU/dem EWR sehr niedrig (0,0054 Fälle pro 100.000 Einwohner und Jahr). Die Kanarischen Inseln stellen jedoch mit einer Inzidenzrate von 0,47 Fällen pro 100.000 Einwohner das mit Abstand höchste Risikogebiet dar.
Im Zusammenhang mit der Untersuchung des Vorkommens von Ciguatoxinen (CTX) in der Umwelt bestand das Hauptziel darin, Mikroalgen, die mit der Produktion von CTX in Verbindung stehen, und CTX in Meeresfrüchten für die Risikobewertung von CP zu evaluieren. Die Aufgabe bestand in der Bewertung der toxischen Wirkung von 104 Mikroalgenstämmen und 1174 Fischen (77 Fischarten). Zu den Probenahmegebieten gehörten die Kanarischen Inseln, Madeira und die Selvagens-Inseln, die Balearen, Zypern und Kreta. Insbesondere bei den Kanarischen Inseln bedecken das Vorkommen mehrerer Dinoflagellaten der Gattung Gambierdiscus als Erreger den gesamten Archipel. Die durch die Arten ausgelösten Wirkungen, insbesondere von G. excentricus, weisen auf ihr Potenzial als Quelle für CTX-ähnliche Verbindungen hin. Bei Fisch gibt es nach den Daten zur CTX-Toxizität eine recht hohes Vorkommen von giftigen Fischen (14% von insgesamt n=746).
Bei Madeira und den Selvagens-Inseln wurde die Gattung Gambierdiscus nachgewiesen. Fischtoxizität wurde bei 42 von 128 Fischen (33 %) festgestellt. Die mit dem zellbasierten Assay (CBA) identifizierten giftigen Fische, die als primäres Referenzmaterial definiert sind, wurden an die Universität von Vigo (UVIGO) übersandt, um die Charakterisierung der vorhandenen Toxine fortzusetzen.
Aus dem östlichen Mittelmeer wurde eine große Diversität von sechs Taxa von Gambierdiscus und Fukuyoa mit relativ geringer Zelltoxizität nachgewiesen. Der erste Fisch, der als CTX-ähnlich positiv im Neuroblastoma Cell-Based Assay (Neuro-2a CBA) aus dem Mittelmeerraum getestet, wurde verursachte auf Zypern nur geringe toxische Wirkungen. Von der Baleareninsel wurde 2017 erstmals Gambierdiscus identifiziert. Bisher wurden nur Gambierdiscus australes und Fukuyoa paulensis identifiziert. Aus diesem Gebiet verursachte kein Fisch eine CTX-ähnliche Symptomatik.
Die Projektaufgaben in Makaronesien sollten sich auf eine bessere Vorhersage von Ciguatera-Vergiftungsfällen konzentrieren und diese mit der Ökologie von Ciguatera mit Mikroalgen und Fischen in Verbindung bringen. Im Mittelmeerraum sollten Anstrengungen unternommen werden, um die Dynamik toxischer Mikroalgenpopulationen besser zu verstehen und das potenzielle Vorhandensein von Toxinen in Fischen zu bekämpfen.
Um das mit CP verbundene Risiko in der EU zu charakterisieren, wurde eine sensitive Analysemethode mittels Flüssigchromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS) entwickelt. Andererseits wurde die Herstellung von Referenzmaterialien einschließlich der Haupt-CTXs, die für die Kontamination verantwortlich sind, als sekundäres Ziel angesehen, um die Implementierung der LC-MS/MS-Methoden in den EU-Laboratorien zu erleichtern, um das aufkommende Risiko überwachen zu können.
Karibisches Ciguatoxin 1 (C-CTX1) wurde durch LC-MS/MS identifiziert und durch LC-HRMS-Methodik als Hauptverantwortlicher für die CTX-Wirkungen in den Proben aus den für diese Studie ausgewählten Gebieten bestätigt. Die niedrigen Konzentrationen von CTXs, die in den bewerteten Proben gefunden wurden, waren eine wesentliche Einschränkung bei der Erreichung der Ziele, da sie für die Erstellung von Notfallplänen erforderlich sind, nicht nur um die Empfindlichkeitsprobleme zu überwinden, die die Bestätigung der toxischen Profile beeinträchtigen könnten, sondern auch die Erfüllung der Aufgabe der Erstellung von Referenzmaterialien.
Die Notfallpläne beinhalteten die Entwicklung von zwei komplementären LC-MS/MS-Ansätzen sowie einen methodischen Ansatz mit LC-MS/MS, Neuroblastoma-Zell-Assay und chromatographischen Fraktionierungen (HPLC und GPC), um die an der kontaminierte Extrakte charaktisieren zu können. Dieser Ansatz wurde auch bei der Herstellung von Referenzmaterialien verwendet, um das Vorhandensein von C-CTX1 zu bestätigen - sowohl in reinen Lösungen von C-CTX1 als auch in Fischgewebe-Referenzmaterialien (FTRM), die C-CTX1 enthalten.
Die LC-MS/MS-Analyse von Dinoflagellatenproben (Gambierdiscus und Fukuyoa spp.) ermöglichte es, die Korrelation mit der CTX-Kontamination der Fischproben aus den Gebieten zu bestätigen, in denen diese Dinoflagellaten gesammelt wurden. Tatsächlich wurde die Wirkungen von Gambierdiscus mehreren Maitotoxinen (MTXs)-Analoga sowie Gambieronsäuren C und D, Gambieron, 44-Methylgambieron, Gambierinsäuren (oder ihren Analoga) und Gambieroxid zugeschrieben, die durch LC-HRMS (mit unterschiedlicher Identifikations-Sicherheit) in Stämmen von Gambierdiscus und Fukuyoa aus dem Mittelmeer und dem Nordostatlantik nachgewiesen wurden.
Das EuroCigua-Projekt hat, wie oben dargestellt, umfangreiche wissenschaftliche Beiträge in den Bereichen öffentliche Gesundheit und Epidemiologie, Umweltbewertung von Toxinen und den damit verbundenen produzierenden Organismen geliefert, einschließlich der chemischen Charakterisierung von CTX-Formen. Damit hat EuroCigua wesentlich zu einer besseren Charakterisierung von Ciguatera in Makaronesien und im Mittelmeer beigetragen. Nichtsdestotrotz erfordern einige wichtige Themen weitere Arbeiten, wie die unzureichende Meldung von CFP-Fällen, die räumliche und zeitliche Verteilung von Toxin produzierenden Mikroalgen in einigen Gebieten, die Quantifizierung ihrer Gemeinschaften und die Charakterisierung der vollständigen CTX-Profile, die an der CP-Kontamination beteiligt sind. Die Verfügbarkeit von Referenzmaterialien mit ausreichenden Toxingehalten ist unbedingt erforderlich. Programme zum Aufbau von Messkapazitäten, Harmonisierung von Messmethoden, prädiktive Arbeit zu Ciguatera einschließlich Modellierung, insbesondere mit dem Schwerpunkt auf der Identifizierung der wichtigsten Triebkräfte, die Ciguatera beeinflussen können, und ein besseres Verständnis der beteiligten Toxine werden die Bewertung und Vorhersage zukünftiger Szenarien von Ciguatera in Europa verbessern.