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Allergien in Deutschland

A/2006, 15.08.2006

Hintergrundinformation für Journalisten

Unter einer Allergie versteht man eine verstärkte, spezifische immunologische Abwehrreaktion gegen Substanzen, die über das normale Maß hinausgeht. Bei einer Allergie handelt es sich also um eine krankmachende Überempfindlichkeit. Als Sensibilisierung bezeichnet man eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber einer Substanz nach vorausgegangenem wiederholtem Kontakt. Der Begriff Sensibilisierung beschreibt also die Allergiebereitschaft. Pseudoallergie nennt man eine Überempfindlichkeit, die über andere als immunologische Mechanismen ausgelöst wird, aber mit klinischen Erscheinungsbildern (Symptomen) einhergeht, die denen allergischer Erkrankungen entsprechen oder ähneln. Eine familiär auftretende Neigung zur Entwicklung bestimmter Krankheiten (allergisches Asthma bronchiale, allergischer Schnupfen, allergisches Augenbrennen/Augenentzündung, atopisches Hautekzem) wird als Atopie bezeichnet. Ihr liegt eine immunologische Überempfindlichkeit von Haut und Schleimhäuten gegenüber natürlich vorkommenden und hergestellten (synthetischen) Stoffen zugrunde. Atopien gehen mit der vermehrten Bildung von Antikörpern vom IgE-Typ (einem spezifischem Immunglobulin) und/oder einer veränderten unspezifischen Reaktivität einher. Allergische Erkrankungen umfassen ein breites Spektrum an Erscheinungsformen. Dazu gehört der saisonale oder auch ganzjährig auftretende Schnupfen („Heuschnupfen“), die Nesselsucht, das Asthma bronchiale, eine allergische Entzündung der Lungenbläschen (allergische Alveolitis, „Farmerlunge“ oder auch „Vogelhalterlunge“), das Kontaktekzem und das atopische Hautekzem (Neurodermitis).

Eine allergische Reaktion läuft in zwei Phasen ab:

  • einer üblicherweise symptomfreien Phase der Sensibilisierung und
  • einer Phase der symptombehafteten Auslösung.

In der ersten Phase kommt es zum Erstkontakt mit der Allergie auslösenden Substanz (Allergen), die zu einer immunologischen Erstantwort führt. Bei einem folgenden, erneuten Kontakt kommt es zu einer zweiten Immunreaktion, die klinisch manifeste, unerwünschte Wirkungen mit den entsprechenden Krankheitserscheinungen hervorruft.

Bei der Auslösung einer Allergie spielen Lymphozyten eine große Rolle. Zur normalen Entwicklung des Immunsystems gehört die Auseinandersetzung mit Fremdstoffen und mit Infektionserregern. Die Auseinandersetzung mit Infektionserregern führt zu einer zuverlässigen und gesunden Abwehr; die Auseinandersetzung mit Fremdstoffen sollte zu einer immunologischen Toleranz führen. Kuhmilch oder Hühnereiweiß sollte deshalb keine immunologische Reaktion auslösen, sondern gut vertragen (‚toleriert‘) werden. Es wird angenommen, dass die Entstehung von Allergien auf einer Störung der Entwicklung und des Erhalts der immunologischen Toleranz beruht.

Magen-Darm-Trakt

Nahrungsmittelallergien treten als Unverträglichkeiten gegenüber Nahrungsmitteln und Nahrungsmittelzusatzstoffen auf und werden durch eine allergische (immunologische) Reaktion ausgelöst. Demgegenüber ist bei Nahrungsmittelintoleranzen keine allergisch-immunologische Auslösung gegeben. Gelegentlich rufen Nahrungsmittelintoleranzen ähnliche Symptome hervor wie Nahrungsmittelallergien. Das wird als Pseudoallergie bezeichnet. Zu den Stoffen, die pseudoallergische Nahrungsmittelintoleranzen auslösen können, gehören Zusatzstoffe wie zum Beispiel Sulfite, Tartrazin oder Glutamat. Neben Haut- und Schleimhautreaktionen wie Quaddeln, Juckreiz und Ekzem, Schnupfen und Asthma bronchiale kann es zu lebensbedrohlichen Sofortreaktionen (Schock) und Reaktionen im Magen- und Darmtrakt kommen.

Die wichtigsten Allergie auslösenden Lebensmittel im Kindesalter sind Kuhmilch und Hühnerei, Fisch, Soja, Weizen und Erdnüsse/Nüsse. Bei Vorliegen einer familiären Neigung (Atopie) kann es in Folge einer Nahrungsmittelallergie zu Neurodermitis, Heuschnupfen und Asthma bronchiale kommen. Erdnüsse und Fisch, Hühnerei und Kuhmilch stellen auch für Erwachsene wichtige Nahrungsmittelallergene dar. Allergische Reaktionen auf Hühnerei und Kuhmilch verlieren sich allerdings häufig in den ersten Lebensjahren. Bei Personen mit Pollenallergie haben in den letzten Jahren die allergischen Reaktionen auf Sellerie, Gewürze, Nüsse und bestimmte Obstsorten zugenommen. Die beobachtete Zunahme der Nahrungsmittelallergien lässt sich über die ebenfalls gestiegene Zahl der Pollenallergiker erklären. Nahrungsmittelallergiker reagieren ihr Leben lang allergisch auf die betreffenden Lebensmittel. Ausgelöst wird die Lebensmittelallergie durch den Kontakt mit dem Allergie erzeugenden Lebensmittel und einer Bildung von Antikörpern vom IgE-Typ als immunologischer Reaktion. Bei erneutem Kontakt kommt es dann zu allergischen Symptomen. Lebensmittel, die eine pollenassoziierte allergische Reaktion auslösen können, besitzen eine verwandte Struktur und einen ähnlichen Eiweißaufbau (hohe Sequenzidentität) zu den allergischen Inhaltsstoffen in Pollen. Deshalb lösen diese Lebensmittel bei Personen, die gegenüber Pollen allergisch sind, eine Nahrungsmittelallergie aus. In Mitteleuropa reagieren 2-3 Prozent der Erwachsenen und 4 Prozent der Kleinkinder allergisch gegenüber Lebensmitteln. In der Gruppe der Kleinkinder mit Neurodermitis liegt der Anteil sogar bei rund 30 Prozent.

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass Stoffgemische, deren Einzelkomponenten an sich keine allergenen Eigenschaften haben, die Entstehung von Allergien fördern und bei erkrankten Personen die Beschwerden verstärken können.

Atemwege

Allergische Reaktionen können sich in verschiedenen Bereichen der Atemwege manifestieren: Die allergische Rhinitis (allergischer Schnupfen) ist eine allergische Reaktion, die durch einen kurzzeitigen Ausfluss aus der Nase, Niesen und Verstopfung der Nase gekennzeichnet ist. Häufig treten darüber hinaus Entzündungen der Nasennebenhöhlen und Entzündung der Schleimhäute der Augen auf. Nach längerer, wiederkehrender Exposition kann eine chronische Entzündung der Schleimhäute der Nase resultieren. Der Volksmund nennt diese Erkrankung „Heuschnupfen“. Heuschnupfen kann aber nicht nur durch natürlich vorkommende Allergene wie Gräser- und Baumpollen ausgelöst werden, er kann auch nach Kontakt mit chemischen Substanzen auftreten. Heuschnupfen haben rund 12 Prozent der 13-14-jährigen Jugendlichen und 14 % (Erfurt) bzw. 22 % (Hamburg) der 20- bis 44-jährigen Erwachsenen. Die Zahl der Heuschnupfenfälle hat in den vergangenen Jahren zugenommen; es besteht ein Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. In den Geburtsjahrgängen 1942 bis 1951 hatten 19,8 % (Westdeutschland) bzw. 11,7 % (Ostdeutschland) der Personen Heuschnupfen, in den Geburtsjahrgängen 1952 bis 1961 waren es 21,5 % (West) bzw. 12,9 % (Ost). Bei den Geburtsjahrgängen 1962 bis 1971 betrug die Zahl der an Heuschnupfen Erkrankten bereits 26,8 % (West) bzw. 14,7 % (Ost).

Auch das allergische Asthma wird als eine allergische Reaktion aufgefasst. Es ist gekennzeichnet durch eine akut auftretende Verengung der Atemwege und basiert auf einer Entzündung der Atemwege und einer erhöhten Reaktion der kleinen Luftwege (Bronchien) auf sehr verschiedene äußere Reize (z.B. Kälte). Dieser Zustand wird als bronchiale Hyperreagibilität bezeichnet. Die Reaktion auf äußere Reize setzt unmittelbar ein und ist bedingt durch die Freisetzung von Botenstoffen; auch später auftretende Reaktionen sind möglich und werden durch die Entzündung der Atemwege verursacht. An Asthma bronchiale leiden 2 % (Erfurt) bzw. 4 % (Hamburg) der 20- bis 44-jährigen Erwachsenen. Bronchiale Hyperreagibilität wurde bei 12 % (Erfurt) bzw. 17 % (Hamburg) der 20- bis 44-jährigen Erwachsenen diagnostiziert.

Bekannte Fremdstoffe in der Umwelt, die eine Reaktion der Atemwege auslösen, sind Duftstoffe. Zu den Fremdstoffen sind nicht nur duftstoffhaltige Kosmetika zu rechnen, sondern auch Duftstoffe, die mittels Sprays, Räucherstäbchen, Duftkerzen und Extrakten für Verdampfer zur Geruchsverbesserung der Innenluft eingesetzt werden. Eine Duftstoffallergie wird bei 1-2 % der Bevölkerung angenommen.

Haut

Das atopische Ekzem (Neurodermitis, endogenes Ekzem, atopische Dermatitis) ist eine der häufigsten Hauterkrankungen. Es beginnt häufig im Kindesalter, oft bereits beim Säugling, kann aber grundsätzlich in jedem Lebensalter auftreten. Es besteht eine familiäre Disposition zu so genannten atopischen Erkrankungen (Heuschnupfen, Asthma, Ekzem). Wegen des mit der Erkrankung einhergehenden quälenden Juckreizes besteht ein besonderer Leidensdruck. Besonders im Kindesalter können Nahrungsmittelallergien zur Aufrechterhaltung des Ekzems beitragen. 6-19 % der Kinder hatten in einer epidemiologischen Untersuchung ein vom Arzt bestätigtes atopisches Ekzem. Bei der Elimination auslösender Faktoren kommt der Textilauswahl eine besondere Bedeutung zu.

Das allergische Kontaktekzem ist eine nicht-infektiöse Entzündung der Haut. Besteht eine Sensibilisierung gegen einen Stoff (ein Kontaktallergen) manifestiert die sich in Form eines Ekzems, wenn der Kontakt mit der Substanz nicht vollständig vermieden wird. Allergische Kontaktekzeme sind ein häufiges Problem in Deutschland. Im beruflichen Bereich sind Kontaktekzeme eine Ursache dafür, dass Menschen ihre Arbeit nicht mehr ausüben können: Ungefähr 25 % aller gemeldeten Berufserkrankungen betreffen die Haut.

Vorbeugung spielt auch bei dieser Form der Allergien eine wesentliche Rolle. Dazu ist es jedoch wichtig, die Häufigkeit zu kennen, mit der Sensibilisierungen (positive Reaktion im Allergietest, ein Ekzem braucht noch nicht sichtbar zu sein) in der Bevölkerung allgemein und in verschiedenen Berufssparten vorkommen und rechtzeitig über neue Entwicklungen, wie z.B. neue Allergene informiert zu sein.

Der Informationsverbund Dermatologischer Kliniken (IVDK, Göttingen) wertet Daten aus, die von 40 Hautkliniken aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stammen, und erstellt in regelmäßigen Abständen Listen mit Allergenen, geordnet nach Häufigkeit. Die Liste wird angeführt von Sensibilisierungen gegen Nickel, welche am häufigsten durch das Tragen von Modeschmuck, insbesondere Piercing-Schmuck, entstehen. Weitere wichtige kontaktallergene Chemikalien sind Kobaltchlorid, Kaliumdichromat (Zement, Leder), p-Phenylendiamin (Farbstoff), Thiurame (Vulkanisationsbeschleuniger), Konservierungsmittel und Formaldehyd. Zwischen 1995 und 1998 wurde darüber hinaus ein deutlicher Anstieg der Reaktionen gegen Terpentinöl verzeichnet, wahrscheinlich auch bedingt durch Kontakt mit Substanzen, die eine ähnliche chemische Struktur aufweisen, wie insbesondere ätherische Öle und Teebaumöl (Kreuzreaktivität).

Der Bundesgesundheitssurvey 2000 ermittelte eine Prävalenz des allergischen Kontaktekzems von 7 Prozent. Die Häufigkeit einer Sensibilisierung ohne begleitendes akutes Kontaktekzem wird von Fachleuten bei Erwachsenen auf 15 bis 20 % geschätzt.

Rauchen und Allergie

Daran, dass Passivrauchen die Entstehung allergischer Atemwegserkrankungen bei Kindern beeinflusst, besteht wissenschaftlich kein Zweifel mehr. Passivrauchen erhöht das Risiko für eine Atemwegserkrankung deutlich. Das höchste Risiko haben dabei Kinder, deren Eltern oder Mütter rauchen. Als Einflussfaktoren werden der meist engere Kontakt zwischen Mutter und Kind und der Einfluss des Rauchens während der Schwangerschaft diskutiert.

Die Auswertung einer großen Anzahl relevanter Veröffentlichungen belegt ein um rund 30 Prozent erhöhtes Asthma-Risiko für Kinder, die im Elternhaus Passivrauch ausgesetzt sind. Wiederholte Untersuchungen im Laufe der Entwicklung wiesen bei rauchbelasteten Kindern eine an der unteren Grenze des Normalbereichs liegende Lungenfunktion nach. Es wird vermutet, dass der feinstrukturelle Aufbau der Lunge, insbesondere in der sehr frühen Kindheit, durch das Passivrauchen geschädigt wird, was später zu einer Einschränkung ihrer Funktion führt. Darüber hinaus wurde untersucht, ob Kinder, die dem Nebenstromrauch ständig ausgesetzt sind, häufiger Sensibilisierungen entwickeln, in Allergietests also vermehrt positiv reagieren. Dies konnte bisher allerdings nicht bestätigt werden. Dagegen belegt eine andere Untersuchung einen Zusammenhang zwischen dem Rauchen der Mutter und dem Auftreten der kindlichen Neurodermitis.

Prävention

Testverfahren

Viele Allergien ließen sich vermeiden, wenn der Kontakt zu allergieauslösenden Stoffen unterbliebe. Das gilt insbesondere für die Kontaktdermatitis und für die Sensibilisierung durch Fremdstoffe über die Atemwege. Um allergieauslösende Stoffe zu erkennen, müssten Substanzen, bevor sie in größerem Umfang in die Umwelt und in Kontakt mit dem Verbraucher gelangen, auf ihre allergieauslösende Wirkung getestet werden. Auf diese Weise könnte der Zugang von starken Allergenen zum Markt verhindert werden. Nach Ansicht des BfR sollte jeder Stoff, der in Verbraucherprodukten verwendet werden soll, im Vorfeld auch auf allergene Eigenschaften getestet werden. Verfahren für die Testung auf kontaktallergene Wirkungen existieren bereits. Insbesondere im Hinblick auf die Wirkstärke werden allerdings weitere Verbesserungen der Testverfahren für erforderlich gehalten. Für die Allergisierung (Sensibilisierung) über die Atemwege stehen entsprechende Tests derzeit nicht zur Verfügung. Hier besteht Entwicklungsbedarf. Das gilt auch für die Testung auf allergieauslösende Wirkungen im Magen-Darmtrakt, insbesondere für neuartige Lebensmittel.

Verhaltensmaßnahmen

Unabhängig von einer möglichen erblichen Disposition stellt das Stillen ohne Gabe von Beikost und Kuhmilch, mindestens während der ersten 4-6 Lebensmonate, im Hinblick auf atopische Erkrankungen und Nahrungsmittelallergien eine wichtige primär präventive Maßnahme dar. Falls bei Vorliegen einer erblichen Veranlagung nicht gestillt wird, sollten Säuglingsnahrungen mit nachweislich reduzierter Allergenität, ebenfalls über mindestens 4-6 Monate, gefüttert werden. Diätetische Maßnahmen haben sich bei Kindern mit einem hohen genetischen (familiären) Risiko als wirksam erwiesen. Das gleiche gilt für nachgewiesene Lebensmittelallergien: Diäten, bei denen die allergieauslösenden Lebensmittel weggelassen werden, gehören zur Standardtherapie. Seit einigen Jahren wird versucht, durch langsam steigende Zufuhr (bis zu 1 Jahr) der allergieauslösenden Lebensmittel eine spezifische orale Toleranz im Sinne einer aktiven Unterdrückung der immunologischen (IgE-vermittelten) Reaktion zu erzeugen. Um die Toleranz aufrecht zu erhalten, muss das Allergen allerdings regelmäßig zugeführt werden.

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