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Vierter Weltkongress „Lebensmittelinfektionen und -intoxikationen" beginnt

13/1998, 05.06.1998

Zahl lebensmittelbedingter Infektionskrankheiten steigt weltweit noch immer an

Am Montag, den 8. Juni 1998, wird der ‘Vierte Weltkongress Lebensmittelinfektionen und -intoxikationen’ in Berlin eröffnet. Veranstalter ist das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin, BgVV. Rund 500 Wissenschaftler aus über 60 Ländern werden sich über neue Trends und Entwicklungen auf dem Gebiet der durch Lebensmittel übertragbaren Krankheiten und Vergiftungen, ihrer Bekämpfung und Prävention austauschen. Nachgedacht werden soll auch über Strategien, wie Sicherheit und gesundheitliche Unbedenklichkeit bei Lebensmitteln angesichts weltweiten Handels, ständig wachsenden Reiseverkehrs und veränderter Ernährungsgewohnheiten sichergestellt werden können.

Die Zahl der gemeldeten Erkrankungen, die durch kontaminierte Lebensmittel ausgelöst werden, steigt weltweit immer noch an. Das gilt nicht nur für Länder der Dritten Welt, sondern auch für die Industrienationen. So hat sich beispielsweise zwischen 1989 und 1997 die Zahl der nach dem Bundes-Seuchengesetz als ‘Enteritis infectiosa’ gemeldeten infektiösen Darmentzündungen in Deutschland mehr als verdoppelt. 1989 wurden noch 90.704 Fälle gemeldet, 1997 bereits 211.084.

Neben altbekannten Krankheitskeimen, wie den Salmonellen, treten mehr und mehr ‘neue’ Erreger in den Vordergrund. Neu ist dabei meist die Problematik, nicht der Keim selbst. Erst verbesserte Nachweisverfahren und diagnostische Methoden offenbarten das Ausmaß der klinischen Bedeutung von Infektionen durch Campylobacter, Escherichia coli (besonders EHEC), Yersinien oder Listerien, die als ‘Enteritis infectiosa - übrige Formen’ in die Statistik eingehen. So wurden 1997 in Deutschland mit 105.744 Fällen erstmals mehr Erkrankungen durch diese Erreger gemeldet als Salmonelleninfektionen (105.340). Ob dieser drastische Anstieg das reale Bild neuer Infektionswege widerspiegelt - etwa aufgrund veränderter Ernährungsgewohnheiten, wie des zunehmenden Verzehrs von unzureichend oder gar nicht hitzebehandelter Roh- und Vorzugsmilch - oder vor allem der besseren Diagnostik und höheren Sensibilisierung der Ärzteschaft für diese Erreger zuzuschreiben ist, soll auf dem Weltkongreß diskutiert werden. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, inwieweit es in den Industrieländern angesichts einer "empfindlicheren", weil älter werdenden Gesamtbevölkerung notwendig wird, Risikogruppen wie älteren Menschen, Immungeschwächten und Kleinkinder zu empfehlen, grundsätzlich auf bestimmte Lebensmittel, wie Rohmilch, Rohmilchprodukte oder Hackfleisch, von denen ein erhöhtes Risiko ausgehen kann, völlig zu verzichten.

Behandelt wird auch das Problem der Lebensmittelinfektionen und -intoxikationen im Rahmen des globalen Tourismus. Hierbei geht es sowohl um die Vermeidung der Infektionen bzw. Intoxikationen von Touristen in den Reiseländern selbst als auch um die Verhinderung der Einschleppung von Keimen, gegen die unsere Bevölkerung nur in unzureichendem Maße gewappnet ist. Beispiele hierfür sind Typhus, Hepatitis A oder Cholera.

Ein weiterer zentraler Diskussionspunkt wird die weltweit beobachtete, zunehmende Resistenz von Erregern gegen antimikrobiell wirkende Substanzen sein. Hierbei geht es insbesondere darum, wie durch geeignete Maßnahmen beim Einsatz von Tierarzneimitteln die Entwicklung und Ausbreitung resistenter Keime, die für den Menschen bedeutsam sind, eingedämmt werden kann.

Daß durch technologische Veränderungen beim Herstellungsprozeß von Lebens- oder auch Futtermitteln binnen kurzer Zeit neue Probleme von globaler Bedeutung entstehen können, die für Wissenschaft und Überwachungsbehörden neue Herausforderungen darstellen, hat die Ausbreitung der Bovinen Spongiformen Enzephalopathie (BSE) gezeigt. Sie ist nur ein Beispiel dafür, wie wichtig im Rahmen der Lebensmittelproduktion die möglichst exakte Abschätzung von Risiken ist, die von neuen technologischen Verfahren im Vorfeld und im Zuge der Lebensmittelherstellung ausgehen können.

Besondere Aufmerksamkeit widmet der 4. Weltkongress deshalb auch der Risikobewertung. Im Zeichen des vorbeugenden Verbraucherschutzes kommt Methoden und Verfahren der Risikobewertung und des Risikomanagements im Vorfeld von Lebensmittelkontaminationen, -infektionen und -intoxikationen sowohl bei der Tierproduktion als auch bei der Lebensmitteltechnologie eine zentrale Bedeutung zu. Angesichts des zunehmenden Welthandels ist es eine wichtige Aufgabe von Behörden und Wissenschaft, international verbindliche Standards zu schaffen und weltweit zu etablieren.

Die Ergebnisse des Kongresses werden am Freitag, dem 12. Juni 1998, im Rahmen einer Pressekonferenz im BgVV in Berlin-Marienfelde vorgestellt.

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